Werkstattbericht: Wie ich ein Musical schrieb Teil 1 – die Literaturadaption

March 3, 2017

Seit zwei Jahren arbeite ich mit Ephraim Peise am Musical „Die Wemmicks“. Nun stehen wir kurz davor, es auf die Bühne zu bringen. Die Aufführung soll am 27. September im Nikolaisaal in Potsdam stattfinden – was aber nur klappt, wenn wir über Startnext genügend Unterstützer finden.

 

Es mag etwas überraschen – aber vor Wemmicks berührte ich das Genre Musical an keinerlei Punkten. Überhaupt nicht. Klar, ich war in Hamburg im Musical „Buddy Holly“ und schaute als Kind so ziemlich jeden Disneyfilm, in dem gesungen wurde, aber zu Beginn meines Studiums an der Filmuniversität Babelsberg interessierten mich vor allem die Bücher von Stephen King und Charles Bukowski sowie die Filme von Martin Scorsese und Paul Thomas Anderson.

 

Nach einer Lesung im Rahmen einer Filmuni-Veranstaltung, in der ich eine Novelle“ für Erwachsene“ vorstellte, sprach mich der Komponist Ephraim Peise an, der damals Filmmusik im Master an der Filmuni studierte. Er bräuchte einen Autor für sein geplantes Musical, das auf dem Kinderbuch „You are special – Du bist einmalig“ von Max Lucado basieren sollte.

 

Aus 20 Seiten Bilderbuch mach 120 Seiten Drehbuch

 

Okay, mal schauen. Das Kinderbuch umfasst vielleicht 20 Seiten – es geht um Holzpuppen, die sich gegenseitig Sterne aufkleben, wenn sie toll aussehen oder etwas tolles können, und Punkte, wenn dem nicht so ist. Punchinello trägt viele Punkte und keinen Stern und ist traurig darüber – da begegnet er der „nackten“ Lucia die ihm rät, den Holzschnitzer Eli zu besuchen. Er folgt dem Rat, Eli entfernt alle Punkte von Punchinello und der Holzschnitzer sagt ihm: „Die anderen Wemmicks sind Wemmicks, genau wie du.  Es ist nur wichtig, was ich denke. Und ich denke, dass du einmalig bist.“

 

In der Kürze entfaltet diese Message eine erbaulich Wirkung und bietet einen wunderbaren Anker für Kinder. Aber wie sollte ich daraus eine abendfüllende Musicalstory basteln?

 

In den folgenden Wochen schrieb ich ein Exposé von fünf Seiten. Grundlage war hier das bekannte Erzählmodell der Heldenreise. Von Anfang an stand fest: Punchinellos Ankunft bei Eli musste dramaturgisch der Punkt sein, der sich in der Drehbuchtheorie „Dark Night of the Soul“ nennt -  der Punkt, an dem der Held die letzte fehlende Einsicht bekommt, bevor er sich zum finalen Kampf aufmacht. Das ist die Stelle, in der Simba im König der Löwen die Erscheinung von Mufasa am Himmel sieht: „Erinnere dich“ oder als Edward Norton in Fight Club endlich erkennt, dass er und Tyler Durden ein und dieselbe Person sind. Oftmals wird dieser Moment auch als "Selbsterkenntnis" bezeichnet.

 

Nun, eine Story besteht natürlich nicht nur aus einem Wendepunkt – aber einen so starken, bildhaften Moment für das Ende von Wemmicks in der Hinterhand zu halten, bedeutete einen guten Ausgangspunkt für uns. In meiner Exposéfassung gesellten sich noch allerhand Figuren, Sidekicks, Mentoren und natürlich ein böser Gegenspieler zur Story.

 

Es entstand ein Exposé, das mir jeder Musicalproduzent um die Ohren gehauen hätte: Verfolgungsjagden, Flugzeuge und einstürzende Fabriken. Das ist natürlich auf einer Bühne schwer umsetzbar. Aber was wollt ihr von mir? Ich studiere Film!

 

Doch eine Grundlage war damit geschaffen: Ephraim und ich hatten den Kern der Geschichte erarbeitet, der in den nächsten zwei Jahren ausformuliert werden sollte.  Außerdem hatte Ephraim schon somit genügend Stoff, um die ersten beiden Songs zu schreiben: Eben jene, die nach Punchinellos Besuch bei Eli erklingen sollten. Eigentlich auch witzig: Wir hatten das komplette Ende ausformuliert, während der gesamte Rest fehlte.

 

Passende Musik ist stärker als jeder Dialog

 

Zwischenzeitlich bekamen wir – auf Basis des ersten Exposés und der Charakterzeichnungen – eine erste, kleine studentische Förderung: Irgendwas mussten wir also richtig machen. Ephraim veranlasste daraufhin – bewusst oder unbewusst – den eigentlichen Startpunkt für die Arbeit an unserem Musical: Er schaute sich mit mir und Sebastian Grutza, dem Zeichner für Figuren und erste Moodbilder (siehe Bild), die Musicalaufzeichnungen der Phantom der Oper-Fortsetzung „Love will never die“ im Kino an. Und nun hatte ich das erste Mal ein Aha-Erlebnis, wie ein Musical funktioniert. Aus Sicht des Autoren, versteht sich. Und ich wusste von diesem Moment an, wie ich unser Musical schreiben will. Und ferner: Welche Möglichkeiten das Schreiben eines Musicals im Vergleich zum Film bietet.

 

Lasst es mich so sagen: Im filmischen Schreiben ist es verpönt, die Charaktere über sich selbst etwas sagen zulassen. Man kennt das: Immer, wenn im Film jemand sagt: „Ich fühle mich traurig, mein Herz ist zerbrochen, weil du mit ihm geschlafen hast“, dann klingt das holprig und dumm, kein Mensch spricht so offen. Eher sagt er Sätze wie: „War ich dir nicht gut genug?“ (auch ziemlich abgegriffen) oder, wenn man es zynisch sagt: „Machs doch gleich mit ihm vor meinen Augen“. Ihr wisst, was ich sagen will. Im Film sucht ein guter Autor nach geeigneten Bildern, die die Gefühle des Protagonisten vermitteln, weniger nach Worten. Klar, da helfen auch Stilmittel wie Voice Over, aber die kann man nur sparsam einsetzen. Im Roman bietet sich die Möglichkeit schon eher, seine Charaktere dem Leser offen zu legen. Aber niemals so offen, wie in einem Musical: Dort sagen die Figuren, wie sie denken und fühlen, die Musik unterstützt diese Gefühlswelt darüber hinaus auf einer emotionalen und intuitiven Ebene. Wenn die Charaktere ihr Innenleben im Musical schildern, vermitteln sie dem Zuschauer ein Gefühl, das so nirgends möglich ist. Ganz einfach, weil Musik, richtig eingesetzt, unheimlich mächtig sein kann. Und stärker sein kann, als jeder Dialog.

 

Dieser Kinobesuch verbunden mit dieser Erkenntnis war die nötige Metamorphose meinerseits zum Musical-Autor – und von da an wusste ich: Wir mussten die Story der Wemmicks von Grund auf überarbeiten. Und diesmal kannte ich den Weg ganz genau!

 

Wie die Entwicklung von Wemmicks weiterging, erzähle ich euch im nächsten Teil.

 

Unterstützt unser Musical auf Startnext und lasst es erst möglich werden: Kauft euch Tickets für die Vorstellung am 27. September in Potsdam, eine CD oder spendet. In unserem Startnext-Video könnt ihr auch die beiden Songs hören, von denen ich euch eben erzählt habe.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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